Akteure der Gestaltung (anti)demokratischer Räume: Das Beispiel Garnisonkirche Potsdam
Sabrina Pfefferle
Die wiedererrichtete Potsdamer Garnisonkirche ist ein umstrittenes Bauwerk deutscher Erinnerungskultur. Denn seit der Initiierung des Wiederaufbaus steht die Frage im Raum, wie, an was und für wen sie erinnern soll.
Errichtet zwischen 1730 und 1735 als barocke Militär- und Hofkirche, entwickelte sie sich zu einem zentralen Symbol für Preußens Militär- und Herrschaftskultur. Im Nationalsozialismus wurde sie weiter ideologisch aufgeladen: Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 gilt als Inszenierung der Verbindung zwischen der „alten“ preußischen Tradition und dem „neuen“ NS-Staat – und diente der Legitimation der nationalsozialistischen Machtübernahme. Nach der Zerstörung der Garnisonkirche im Zweiten Weltkrieg hört ihre Geschichte jedoch nicht auf: In der Deutschen Demokratischen Republik wurde die Ruine 1968 gesprengt, 1971 ein modernes Rechenzentrum auf dem Gelände errichtet. Lange blieb die Frage offen, wie mit diesem historischen Ort umgegangen werden soll. Eine erste Antwort scheint der Wiederaufbau zu sein.
Das Wiederaufbauprojekt
Angestoßen wurde der Bau 1984 von der rechtsnational geprägten Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel (TPG) unter Max Klaar. Oberstleutnant a. D. Klaar schenkte der Stadt Potsdam 1990 bereits das nachgebaute Glockenspiel der Kirche, das unter anderem eine der 121. Infanterie-Division der Wehrmacht gewidmete Inschrift enthält: „Suum cuique“ – „Jedem das Seine“. Die Nationalsozialisten brachten die drei Worte über dem Haupttor des Konzentrationslagers Buchenwald an (Lernort Garnisonkirche Potsdam/Oswalt 2021: 35). Klaar stellte wiederholt die deutsche Kriegsschuld infrage, forderte die Wiederherstellung von Deutschland in den Grenzen von 1937 und sprach von der „Befreiungslüge“ des Jahres 1945 (Kramer/Fröhlich 2015; Juhnke 2021: 21).
Dennoch wurde die Idee des Wiederaufbaus zu Beginn der 2000er Jahre aufgegriffen: Im Januar 2004 gründete sich auf Initiative des Industrieclubs Potsdam e. V. mit Unterstützung der evangelischen Landeskirche sowie der Landeshauptstadt die Fördergesellschaft für den Aufbau der Garnisonkirche, auf deren Grundlage 2008 die kirchliche Stiftung Garnisonkirche Potsdam als Träger entstand. Neben der Finanzierung verfolgte letztere das Ziel, ein inhaltliches Nutzungskonzept zu entwickeln. Dieses orientiert sich am biblischen Vers „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ (Lukas 1,79), der auch auf dem Sockel des Kirchturms in mehreren Sprachen zu lesen ist. Seit 2024 sollen Besucher*innen im Turm der Kirche „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben“ (Stiftung Garnisonkirche Potsdam 2020: 1).
Demgegenüber tritt seit 2020 der Lernort Garnisonkirche, getragen von der Martin-Niemöller-Stiftung in Kooperation mit der Universität Kassel, als Kritiker des Wiederaufbaus und des aktuellen Nutzungskonzeptes auf. Der Wiederaufbau ist bereits seit seiner Initiierung umstritten: Gegenwehr erfolgte unter anderem in Form von öffentlichen Debatten, zivilgesellschaftlichen Initiativen und wissenschaftlichen Beiträgen (Linke 2022: 38–103). Der Lernort befindet sich ebenfalls am historischen Ort – im heute als Kreativraum genutzten Rechenzentrum – und möchte über die „oft verschwiegene und verdrängte Dimension dieser Kirche“ (Lernort Garnisonkirche 2025) informieren. In der „ambivalenten Geschichte Preußens“ stehe sie gerade für dessen problematische Seite: „für Dynastie und Gehorsam, […] Expansionsstreben und Machtanspruch, […] Militär und Staatskirche“ sowie „für die antidemokratischen Kräfte des Deutschen Reichs“ (Lernort Garnisonkirche 2025).
Der folgende Beitrag untersucht Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Akteure anhand ihrer digitalen und analogen Angebote. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, welche Botschaften die Akteure vermitteln, inwiefern es ihnen gelingt, den Ort kritisch zu erschließen, und wie sie zur Demokratiebildung beitragen.
Die Stiftung Garnisonkirche
Die Stiftung Garnisonkirche bietet Besucher*innen vor Ort und digital ein breites Bildungsangebot: Herzstück ist die im Kirchturm auf 250 m² angelegte Ausstellung „Glaube, Macht und Militär“ unter Kuration von Jürgen Reiche. Sie beleuchtet kritisch und umfassend die „lange und wechselvolle Geschichte der Garnisonkirche“ (Stiftung Garnisonkirche Potsdam 2025), mit besonderem Fokus auf ihre Bedeutung im Königreich Preußen, Kaiserreich sowie im Nationalsozialismus. Zur Begrüßung werden die Besucher*innen eingeladen, sich eine eigene Meinung zur Kirche zu bilden – denn sie sei für viele eine Projektionsfläche: für die „Sehnsucht nach Halt in einer Zeit permanenter Veränderung“ auf der einen und „Symbol für den preußischen Militarismus und des Bösen schlechthin“ auf der anderen Seite (Stiftung Garnisonkirche Potsdam 2024). Die Ausstellung selbst positioniert sich als neutraler, informierender Akteur – und umgeht weitestgehend die Frage, inwiefern der eigene Wirkungsort bereits Produkt gesellschaftlicher Projektionen und Regressionen ist.
Dabei soll die Ausstellung ihre Besucher*innen für die „Gefährdungen von Demokratien“ sensibilisieren, „menschliches Handeln“ reflektieren und „zur Gestaltung einer pluralistischen Gesellschaft“ anregen (Stiftung Garnisonkirche Potsdam 2025). Sie setzt dabei auf vielfältige Quellen – Bilder, Postkarten, Zitate, Videoaufnahmen und Objekte. Die Inhalte sind in Texten, Hörstücken sowie Videos aufbereitet; interaktive Umfragen, etwa, ob emotionale Verbundenheit zu einer Nation noch von Bedeutung sei, laden zur Beteiligung ein. Auch kritische Stimmen zum Wiederaufbau der Kirche finden Raum, die darüber seit den 1980ern bestehende Debatte wird jedoch eher oberflächlich vermittelt. Damit wurde die Chance verpasst, ausgehend von den historischen Befunden zur ideologischen Verflechtung von Kirche, Traditionalismus und Militarismus eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Ebenfalls wenig Raum nimmt die Bedeutung der (Garnison)Kirche im Kontext der imperialistischen Außen- und Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreichs sowie in den politischen Systemen der Weimarer Republik und der DDR ein. Denn sowohl die Legitimierung von „Superiorität“ durch Religion als auch Phasen der Distanzierung und Tilgung kirchlicher Bauwerke offenbaren viel über Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft. Neben der Ausstellung bietet die Stiftung weitere Angebote vor Ort, darunter Workshops, Vorträge, Gottesdienste und musikalische Veranstaltungen.

Blick in die Ausstellung der Stiftung Garnisonkirche Potsdam „Glaube, Macht und Militär“, Potsdam 2025 © Sabrina Pfefferle
Ergänzt wird das analoge Angebot durch eine digitale Lernplattform. Deren Formate behandeln die Bedeutung von Glauben in der DDR, fragen nach der christlichen Friedensbewegung, nach Anpassung und Opposition in einer Diktatur sowie dem Schutzraum Kirche. Interessierte können auf der kostenlosen Plattform einen animierten Kurzfilm zur Sprengung der Kirche, Erklärvideos, Zeitzeug*innen-Gespräche, sowie historisches Quellenmaterial nutzen. Auf Grundlage dieser Materialien lassen sich ganze Unterrichtseinheiten für verschiedene Altersstufen planen. Aber auch weniger strukturierte Formate wie das Postkarten-Set „Frei denken – frei gestalten“ regen zum Diskutieren an.
Der Lernort Garnisonkirche
Auch der Lernort Garnisonkirche ermöglicht – sowohl vor Ort als auch digital, die Geschichte der Garnisonkirche und ihre Bedeutung im gesellschaftlichen Diskurs zu reflektieren. Im Rechenzentrum macht die Pop-up-Ausstellung „Erste Ausgabe: Rechtsradikale Einschreibungen“, konzipiert von Philipp Oswalt und Carsten Linke, die ideologischen Spuren sichtbar, die sich in der Geschichte des Wiederaufbaus und in den Netzwerken der beteiligten Akteur*innen finden. Die Ausstellung zeigt, wie rechtsradikale Einschreibungen das Wiederaufbauprojekt prägen – und sich auch aufgrund einer mangelnden Distanzierung von Persönlichkeiten aus Kirche, Politik und Gesellschaft bis in die Mitte Potsdams drängen. Sie untersucht das Wiederaufbauprojekt, vom Nachbau des Glockenspiels über den fragwürdigen Umgang mit den vom TPG gesammelten Spenden bis hin zur Unterstützung des Projektes durch die Brandenburger AfD genau. Damit bietet sie keine historische Rundschau wie die Ausstellung im Turm, setzt aber genau bei dem Kapitel an, das dort unterrepräsentiert ist − eine wertvolle und notwendige Ergänzung zur Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ortes. Begleitet wird sie durch Vorträge, Diskussionsformate und künstlerische Interventionen, die den Ort zu einem lebendigen Forum für gesellschaftliche Debatten machen. Dabei profitiert der Lernort auch von dem breiten kulturellen Angebot im Haus: Im Soziokreativen (R)Zentrum begegnet man in allen Räumen Menschen, Kunstwerken, Ideen, die sich multiperspektivisch mit unserer heutigen Gesellschaft auseinandersetzen.

Blick in die Pop-up-Ausstellung des Lernorts Garnisonkirche „Erste Ausgabe: Rechtsradikale Einschreibungen“, Potsdam 2025 © Sabrina Pfefferle
Auf der 2020 lancierten Online-Plattform, dem digitalen Archiv des Lernortes, finden sich zahlreiche Artikel zur historischen Garnisonkirche – von ihrer Errichtung im 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart – sowie zum Wiederaufbauprojekt. Neben wissenschaftlichen Texten bietet sie Kommentare, Rezensionen, Buch- und Filmtipps sowie Berichte über künstlerische Interventionen. Hervorzuheben ist, dass auch das Rechenzentrum als weiteres historisches Bauwerk vor Ort eine eigene Rubrik bildet und mit Artikeln zur Geschichte, Architektur und Kunst des Gebäudes vorgestellt wird. Auch die Debatten um den Wiederaufbau sind umfassend dokumentiert – gesammelt wurden Stellungnahmen von Gegner*innen wie Befürworter*innen, Briefe und wissenschaftliche Kommentare, die über nationale Grenzen hinausreichen. Die Website lädt dabei ausdrücklich zum Mitdiskutieren ein.
Die Botschaften
Die Stiftung Garnisonkirche versteht sich als Akteurin der Demokratiebildung, Friedensarbeit und Versöhnung. In der Ausstellung liegt der Fokus auf der engen historischen Verflechtung von Kirche, Militär und Politik, in den digitalen Formaten stärker auf der Störfunktion von Glauben in der Diktatur. Die gesellschaftlichen Strömungen, die das Wiederaufbauprojekt selbst begleiten, werden hingegen kaum hinterfragt. Ihr Selbstverständnis basiert auf dem Anspruch „neutral“ zu informieren und sich zugleich aktiv für Demokratie, Frieden und Pluralismus einzusetzen. Dabei zeigt sich eine deutliche Ambivalenz: Die Stiftung bemüht sich, inhaltlich Distanz zu ihren eigenen Gründungskontexten zu wahren, bleibt jedoch in ihren symbolischen Bezügen verhaftet – gerade, weil sie ihre eigene Entstehungsgeschichte nicht zum Gegenstand der Aushandlung macht. Diese Auslassung wirkt inkonsequent.
Demgegenüber tritt der Lernort Garnisonkirche dezidiert kritisch auf. Sein zentrales Anliegen ist die Auseinandersetzung mit den ideologischen Einschreibungen des Ortes und des Wiederaufbauprojekts. Er verortet das Baugeschehen nicht nur historisch, sondern zieht die Linie bis in die Gegenwart: Er fragt nach den gesellschaftlichen Vorstellungen, politischen Kräften und Formen nationaler Erinnerungskultur, die damals wie heute, hinter der (Re)Konstruktion eines Symbols preußisch-autoritären Denkens stehen. Durch diesen Gegenwartsbezug gelingt es, Fragen nach Demokratie und Teilhabe nicht nur historisch, sondern unmittelbar politisch zu stellen – und eine weiterführende Reflexion über die Bedeutung von Bauwerken als Träger kollektiver Erinnerung anzuregen: Warum und für wen bauen politische, kirchliche und wirtschaftliche Entscheidungsträger*innen Symbole vergangener Macht wieder auf? Und was sagt dieser architektonische Rückgriff über unsere Gegenwart aus?
Fazit
Beide Akteure tragen zur Demokratiebildung bei, doch in unterschiedlicher Weise: Die Stiftung sucht sie in historischer und religiös-ethischer Wissensvermittlung, der Lernort in der Praxis der (historischen) Kritik und im Diskurs. Besonders deutlich wird das dort, wo der Lernort Fragen stellt, die die Stiftung nur am Rande berührt: nach der Selektivität von Erinnerung, der Entwicklung des Ortes in der DDR, den identitätspolitischen Bedeutungen des Wiederaufbaus.
Gerade in der Koexistenz beider Orte – Turm und Rechenzentrum – zeigt sich ein neues Potenzial des Stadtraums: Hier werden unterschiedliche Narrative, Deutungen und Interessen greifbar; hier wird die Geschichte des Ortes nicht „versöhnt“, sondern verhandelt. Diese Spannung könnte zu einer Stärke des Potsdamer Erinnerungsortes werden, wenn sie bewusst ausgehalten und nicht durch den Wunsch nach geschlossenen Geschichtsbildern aufgelöst würde. Ob die kostspielige Rekonstruktion eines Bauwerks vergangener Jahrhunderte das wert war, bleibt jedoch fraglich.
Literatur
Juhnke, Dominik: Potsdams umstrittenes Wahrzeichen. Wissenschaftliches Gutachten über die Geschichte des nachgebauten Glockenspiels der Garnisonkirche, Potsdam 2021.
Kramer, Henri/Fröhlich, Alexander: Millionenspenden von Max Klaar. Schmutziges Geld?, in: Tagesspiegel, 23.06.2015, URL: https://www.tagesspiegel.de/potsdam/landeshauptstadt/schmutziges-geld-7230355.html [eingesehen am 13.11.2025].
Lernort Garnisonkirche: Über uns, Potsdam 2025, URL: https://lernort-garnisonkirche.de/ueber-uns/ [eingesehen am 1.11.2025].
Lernort Garnisonkirche Potsdam/Oswalt, Philipp: Rechtsradikale Einschreibungen. Das Glockenspiel der Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel 1984–1991. Wissenschaftliches Gutachten, Potsdam/Wiesbaden/Kassel 2021, URL: lernort-garnisonkirche.de/wp-content/uploads/2021/09/2021-09-Oswalt_Glockenspiel_Akteure-Inschriften_screen.pdf [eingesehen am 13.11.2025].
Linke, Carsten: Das Widerstands-Projekt Garnisonkirche. Eine Chronik, Potsdam 2022.
Stiftung Garnisonkirche Potsdam: Geschichte erinnern. Verantwortung lernen. Versöhnung leben. Betriebs- und Nutzungskonzept für den Turm der Garnisonkirche Potsdam, Potsdam 2020.
Stiftung Garnisonkirche Potsdam: Besuch. Damals, heute, morgen. Ausstellung zum Mitdenken, Potsdam 2025, URL: https://garnisonkirche-potsdam.de/besuch/ [eingesehen am 1.11.2025].

